Aus den Erinnerungen von Wilma Leiniger - Wie der Bau des Landsknechts mein Leben beeinflusste.

Über die Anfänge des Hotels Landknecht möchte ich als Zeitzeugin etwas erzählen. Dazu muss ich jedoch weit ausholen : 1935!

In der Tageszeitung, die meine Eltern bezogen, wurde eines Tages berichtet, dass die Reichsbahn beabsichtige, die Bahnübergänge abzubauen und eine Umgehungsstrasse zu bauen !! Angefangen würde bei den beiden Übergängen des Ortsteils St. Goar – Fellen. Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Unvorstellbar , irgendwann ohne größere Halte- und Wartezeiten die Rheinstrecke befahren ! Zwischen Bingerbrück und Koblenz gab es elf Bahnübergänge, bewacht von einem Bahnwärter, der in einem kleinen Streckenhäuschen saß und die Schranken bediente. Von Bad Salzig in die südliche Richtung zu fahren – dafür gab es normalerweise keine Veranlassung, denn man war Richtung Boppard und Koblenz orientiert.

Aber mein Vater war neugierig, und da in der damaligen Zeit kaum jemand ein Auto besaß, schwangen wir uns auf’s Fahrrad und radelten die acht Kilometer in die südliche Richtung, um diese unbekannte Gegend kennenzulernen. Es ging also über einen dieser Bahnübergänge mitten in den Ort Fellen, wo wir ein einfaches Gasthaus entdeckten und mein Vater beschloss, dort einzukehren. Wir gerieten mitten in eine erregte Debatte und natürlich ging es um den Wegfall der Bahnübergänge. Welche Folgen hätte der Wegfall der Bahnübergänge für den Ort? Wäre er dann nur noch zu Fuß über den Feldwegübergang zu erreichen ? Was würde das vor allem für den Gasthof bedeuten, in den die Lastwagenfahrer gerne einkehrten, und die doch gutzahlende Gäste waren? Zwei Lastwagenfahrer, die mit am Tisch saßen, bestätigten, dass es ihnen bei Schließung der Bahnübergänge unmöglich wäre, wie bisher im Gasthof einzukehren. Mitten in dieser aufgeregten Runde stand ein stattlicher Mann, der sehr souverän wirkte und der versuchte, die Gemüter zu beruhigen. „Also, was soll die Aufregung?“ wandte er sich an die weiblichen Inhaber des Gasthofes. „Ihr baut einfach ein neues Gasthaus unten an die neue Straße und das wird dann viel schöner als das alte hier. Eigentlich könnt ihr nur profitieren !“ Die Frauen waren noch nicht überzeugt, denn ein neues Gebäude kostete schließlich eine Menge Geld. Aber auch da hatte der beredte Mann eine Lösung parat:.“Ihr verkauft doch euer Feld , das zwischen der Bahn und dem Rhein liegt, für den Bau der Straße und dafür werdet ihr einen Batzen Geld kriegen. Damit baut ihr dann das neue Hotel direkt am Rhein und das liegt dann auch genau an der neuen Straße.“

Kein anderer als Otto Leonhard wusste mit seinen Argumenten die Besitzer zu überzeugen. Mein Vater und ich hatten die ganze Zeit an einem kleinen Nebentisch gesessen und der Unterhaltung interessiert zugehört. Otto Leonhard, der entweder schon zu dieser Zeit oder erst zu einem späteren Zeitpunkt mit der ältesten Gastwirtstochter Mudersbach verheiratet war, entwickelte die Ideen für dieses neue Hotel, die dann von einem guten Architekten realisiert wurden. Das ist die Vorgeschichte!

Dass direkt am Rhein ein Hotel gebaut werden sollte, breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Man war mehr als skeptisch, ob das gut gehen könne, zumal bekannt wurde, dass der Bauherr vom Hunsrück stammte. Allgemein war man der Ansicht, dass vom Hunsrück nichts Gescheites kommen kann und folglich könne ein Hunsrücker niemals ein solches Projekt realisieren. Für die Rheinanwohner war „Hunsrück“ das Allerletzte. Von da kam nie ’was Gutes. Nun muss ich dazu sagen, dass der vordere Hunsrück wirklich ein rückständiges, unterentwickeltes Gebiet war. Die Straßen waren nicht gepflastert und die Jauche floss ungehindert durch die Gosse. Die Bauern hatten viele Kinder und da die Felder klein und wenig ertragreich waren, waren die Familien ziemlich arm. Also war man gezwungen, nach anderen Verdienstmöglichkeiten zu suchen. Man schnitzte Löffel, stellte Besen her, strickte Strümpfe und ging dann damit in den Rheinstädten hausieren. Hausierer mochte man dort nicht und da sie vom Hunsrück kamen, hatten Hunsrückbewohner einen ganz schlechten Ruf. Der zukünftige Bauherr kam also vom Hunsrück und damit stand fest, dass dessen Vorhaben auch nichts werden konnte. Ein Hotel am Rhein – das waren reine Hirngespinste!

Interessanterweise glaubte man, dass der Hunsrück nur die Gebiete bis etwa Lingerhahn oder Hausbay umfasste. Was dahinter lag, kannte man nur vom Hörensagen. Wie überrascht waren doch die Rheinanlieger, als sich herumsprach, dass der Bauherr gar nicht vom „Hunsrück“ kam, sondern aus dem Simmerner Kreis. Man wusste, dass Simmern eine Stadt ist, und dass es rundherum wohlhabende Bauern gab, die größere Felder besaßen, die ihnen ein gutes Auskommen sicherten. Das war natürlich etwas völlig anderes. Dann war er kein „hergelaufener“ Hunsrücker, sondern ein ehrenwerter Mann, dem man eine solches Vorhaben durchaus zutrauen konnte. Die vorgefasste Meinung wurde schnell verändert und man war nun davon überzeugt, dass dieser Mann seine Vision in die Tat umsetzen könne. So entstand ein einmalig schönes Anwesen, wie es damals am ganzen Mittelrhein kein zweites gab.

Zwar warf das Hotel in den Jahren vor dem Krieg noch keine großen Gewinne ab, aber die Lastwagenfahrer kehrten weiterhin hier gerne ein und auch KdF-Reisende gehörten zu den Gästen. Nach Beendigung des Krieges waren es die „amerikanischen Besatzer“ und danach die Franzosen, die gerne in diesem Hotel Station machten. Dass der Bau dieses Hotels einen Einfluss auf mein Leben nehmen könnte, hätte ich als 15-jährige nie für möglich gehalten. Mit der Fertigstellung des Hotels Landsknecht im Jahre 1938 änderte sich das.

Ich hatte die höhere Wirtschaftsschule beendet, ein Büropraktikum gemacht und strebte eine Stelle als Sekretärin in einer kaufmännischen Firma an. Dass ich in einem Schnellschreibtest für Steno und Schreibmaschine die Erste wurde, war in der Tageszeitung zu lesen . Auch im Finanzamtz St. Goar hatte man diesen Artikel gelesen, wo dringend Ersatz gebraucht wurde für das Fräulein Mudersbach, der Schwägerin des Besitzers vom Hotel Landsknecht.

Sie war in der Kanzlei des Finanzamts St Goar beschäftigt, wurde nun aber im heimischen Betrieb gebraucht und infolgedessen kündigte sie ihre Stelle. Da man durch die Zeitungsnotiz auf mich aufmerksam geworden war, schickte man jemanden nach Bad Salzig und bat mich um ein Vorstellungsgespräch. Finanzamt – das war zwar nicht die Stelle, die ich mir erträumt hatte, aber man konnte ja mal in diesen „Verein“ hineinschauen. Meine Eltern waren entsetzt „ Wie kannst du nur dorthin gehen wollen. Das ist ja furchtbar!“ Immerhin war das Finanzamt auch damals schon die meistgehasste Behörde, die nur dazu da war, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Auch Fräulein Mudersbach, die noch auf ihrem Platz saß, als ich mich vorstellte, nahm kein Blatt vor den Mund und ließ kein gutes Haar an dieser Behörde. Sie unterbrach ihre Zweifingertätigkeit an der Schreibmaschine und sagte in bestem St Goarer Dialekt: „Sie wolle hie-her? Das würd’ ich mir an ihrer Stelle noch zehnmal überlegen. Hie is es zum Fottlaufe. Mit’m Chef is schlecht Kirsche esse un sein Vertreter is noch schlimmer. Un die Kollegen kama auch vergesse. Was bin ich froh, dass ich aus diesem Kaste rauskomm. Gehn se lieber, bevor se sich ins Unglück stürze!“ So wurde aus der Kanzleisekretärin beim Finanzamt St. Goar, Ella Mudersbach, die Mitbesitzerin des Hotels Landsknecht.

Am Anfang tat sie sich schwer mit ihrer neuen Aufgabe, denn so manche „vornehmen Flausen“ konnte sie nicht verstehen. „Warum kann ich nicht hinter dem Empfang auf einem Stuhl sitzen? Das ist doch viel bequemer. Ich seh’ doch, wenn Leut reinkomme.“ Herr Leonhard erklärte, dass es nicht üblich sei, in einem guten Hotel zu sitzen. Darauf beschloss Ella, sich vor den Tresen zu setzen, aber auch das war nicht im Sinne ihres Schwagers. Ella konnte auch im besten St. Goarer Blatt Bemerkungen über ankommende Übernachtungsgäste von sich geben. Ein Ausspruch war wohl: „Die zwa gehere aber aach net zesamme.“ Letztendlich „befreite“ Herr Leonhard seine Schwägerin vom Dienst am Empfang und betraute sie mit anderen Aufgaben.

Herr Leonhard beherrschte sein Metier und war sich stets seiner Rolle als Hotelier und Chef des Hauses bewusst. Seine Frau war eher für die im Hotel anfallenden Arbeiten zuständig und sorgte im Hintergrund dafür, dass der Betrieb reibungslos funktionierte. Nur einmal erlebte ich, wie sie aus der Rolle fiel. Inzwischen war ich Steuerberaterin im Hotel Landsknecht. Behördenbesuch hatte sich angesagt. Wir saßen im Büro: Herr Leonhard, Frau Volk, die Bürosekretärin, zwei streng blickende Herren vom Finanzamt und ich. Frau Leonhard winkte ab mit der Bemerkung, sie verstünde nichts von diesen Dingen. Sie müsse sich heute um die große Wäsche kümmern. Irgendwann tat sich die Tür zum Büro auf, und auf der Schwelle stand Frau Leonhard. Sie sah aus wie eine Frau, die Wäsche wäscht: strubbelige Haare, gerötetes Gesicht, Arbeitskleidung. Die Arme in die Seite gestemmt fuhr sie ihren Mann unfreundlich an und verlangte von ihm, dass er sofort mal nach der Waschmaschine gucken solle. Zunächst gab es keine Reaktion bei Herrn Leonhard. Sein Blick wanderte an seiner Frau rauf und runter und dann kam von ihm folgender Spruch: „Es gibt Frauen, die sind zur Königin geboren, du scheinst zur Waschfrau geboren.“ Ich war geschockt ob dieser harten Worte, aber Frau Leonhard verließ ohne ein Wort des Protests das Büro und widmete sich wieder ihren Tätigkeiten. Unsere Besprechung ging weiter, so als hätte sich dieser Zwischenfall nicht ereignet, und über die Störung wurde kein weiteres Wort verloren. Herr Leonhard war ohne Frage der Chef des Hauses und unter seiner Regie wurde das „Hotel Landsknecht“ ein ganz ausgezeichneter Hotel- und Gastonomie-Betrieb.

So kam es, dass die Geschichte vom Neubau des Hotels Landsknecht auch Teil meiner Biographie wurde. Fräulein Mudersbach verließ das Finanzamt, da sie aufgrund ihrer Bürokenntnisse im Hotel gebraucht wurde. Ella Mudersbach machte die Stelle frei, welche mir schließlich angeboten wurde. Im Laufe des ersten Jahres wuchsen die Anforderungen, denn viele der Finanzbeamten wurden eingezogen und infolgedessen war ich befasst mit der Bearbeitung von Steuererklärungen, was mir aufgrund meiner Wirtschaftsschul-Ausbildung keine großen Probleme bereitete. Darüber hinaus besuchte ich Kurse in Steuerrecht und Betriebsprüfung und übernahm mehr und mehr die Aufgaben einer Finanzbeamtin. Als der Krieg zu Ende war, drängten die Männer zurück auf ihre angestammten Posten und für mich war fortan eine solche Stelle nicht mehr vorgesehen. Ich verließ das Finanzamt und eröffnete eine Praxis für Steuerberatung.

Einer meiner ersten Mandanten war Herr Leonhard vom Hotel Landsknecht.

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