Die Geschichte der Familien Leonhard - Mudersbach und des „Landsknecht“ zu St. Goar.

Hochzeit von Paula und Otto Leonhard sowie Grundsteinlegung des Hotel Landsknecht

 

 

Otto Leonhard

Ein bewegtes Leben.

 

Dokumentiert und recherchiert aus dem Familien-Archiv und aus der Erinnerung der Erzählungen Ihrer Eltern von Ingrid Leonhard.

Wie die meisten der Kriegsgenerationen haben auch meine Eltern kaum über die Geschehnisse jener schicksalhaften Zeit erzählt. Wenn überhaupt, dann meist über das Schöne was ihnen in Erinnerung geblieben ist. Das Schreckliche verstanden sie meisterhaft zu verdrängen. Auch die Feldpostbriefe meines Vaters von der Front und aus der anschließenden Internierungshaft, die meine Mutter alle aufgehoben hat, geben außer meist Belanglosem nichts preis von dem, was wirklich geschah. Sie unterlagen ja der Zensur. Und nach der Stunde Null und langer Haft und Entbehrung wollte man nur noch vergessen und stürzte sich in den Wiederaufbau und das pralle Leben.

Auch ich, nunmehr im Rentenalter, hatte das wenige, das ich aus den Erzählungen meiner Eltern wusste, in all den stressigen Jahren meines Berufslebens ausgeblendet. Als nun der Bürgermeister der Stadt St. Goar, Herr Walter Mallmann mich bat, doch für seine Serie über  bedeutende St. Goarer Persönlichkeiten für das Hansen-Blatt einen Bericht über meinen Vater zu verfassen, tat ich mich zunächst schwer damit. Wo sollte ich da anfangen. Mein Vater war ein so vielschichtiger Mensch. Das in einen kurzen Bericht zu fassen – echt eine Herausforderung. Dann rief mich Frau Martina Lorenz, die das Hotel „Landsknecht“ nun in der 3. Generation der Familie Nickenig führt, an und bat mich um Informationen und Fotos für das 75-jährige Jubiläum das „Landsknecht“.  Nun durchsuchte ich mein Familien-Archiv, durchblätterte viele Male gut ein Duzend Fotoalben und Kartons mit einer Unmenge unsortierter Fotos, drei Koffer voller Dias um die interessantesten einzuscannen und zu bearbeiten und zu jedem Foto kamen bei mir die Erinnerungen. Die waren nicht alle gut. So manches Verdrängte hat mich emotional aufgewühlt und wirkt bis heute nach. Dennoch ist es mir – so hoffe ich, gelungen die Geschichte meines Vaters und der Menschen rund um den „Landsknecht“ unverkrampft und in lockeren Worten aufzuschreiben.

Besonders dankbar bin ich dem Zufall, dass ein entfernter Verwandter aus der Familie der Mudersbachs sich auf Grund seiner Nachforschungen zur Familiengeschichte bei Herrn Bgm. Mallmann meldete und so ein seit Jahrzehnten nicht mehr bestehender Kontakt wieder geknüpft werden konnte und mir neue Erkenntnisse bei meiner Recherche brachte. Auch die Geschichte der Familie Leonhard wird durch den Sohn meines Cousins erforscht und so erfuhr ich endlich einige wenige Daten meiner Hunsrücker Vorfahren. Nun konnte ich anhand der Geschichte des 1. Weltkrieges annähernd rekonstruieren, wo und unter welchen Umständen mein Großvater Wilhelm einst gefallen war.

Diese Dokumentation soll ein ereignisreiches Menschenleben widerspiegeln, ohne zu sehr auszuschweifen. Parallel dazu habe ich eine Power Point Präsentation mit vielen Fotos erstellt. Eine Veröffentlichung auch der Gedichte und Malereien meines Vaters wird nach Möglichkeit erfolgen. Ein kurzweiliges Lesevergnügen wünscht 

Ingrid Leonhard                      Pfalzfeld, den 19.März 2013 

            „… und steht einmal in dem Prospekt dieser Stadt:

                                   Hier lebte und malte einst Van Leonhard.“

 Dieses Zitat stammt aus der Feder von Walter Panzel, vielen besser bekannt als „Knorrisch“, der sich bei seinem Schützenkameraden Otto Leonhard in satirischen Versen für ein Ölgemälde, das den Schützenfest-Frühschoppen des Jahres 1955 darstellt, revangierte. Spöttisch fragte er: „Sind grüne Marsmännchen gelandet?“ und  „Otto, was haben deine Bilder für kostbare Rahmen!“ Aber er war stolz Otto Leonhard seinen Freund nennen zu dürfen und meinte: „Wahre Künstler gehen erst tot in die Unsterblichkeit ein.“ 

Die beiden Freunde gehörten zu jenen Charakteren, die wir in unserer heutigen Gesellschaft so sehr vermissen. Sie hatten schlimme Zeiten in zwei Weltkriegen durchlebt und sie beherrschten die Kunst sich selbst nicht so ernst zu nehmen und den Rest ihres Lebens möglichst viel Freude zu haben. Sie waren St. Goarer Originale.

Jugendjahre

Der Kaiser in Berlin war weit weg. Von Preußens Gloria und Glanz, der mit der Eröffnung des neuen Grand Hotel Adlon noch heller strahlte, war auf dem Hunsrück nicht viel zu sehen, als Otto Leonhard am 10. Mai 1907 in Gödenroth bei Kastellaun diese Welt betrat. Vater Wilhelm betrieb Landwirtschaft, als er 1914 mit Ausbruch des Krieges an die Westfront einberufen wurde. Alsbald zum Unteroffizier ernannt, fiel er im Alter von 38 Jahren in dem Grauen der Artilleriefeuer, Grabenkämpfe und Gasgranaten am 10. April 1918 bei der 2. Frühjahrsoffensive in der 4. Schlacht von Ypern bei Armentièrs an der Lys in Nord-Frankreich durch die Übermacht Alliierter Truppen. Mutter Katharina musste, wie schon in den Kriegsjahren, nun auch in Zukunft alleine mit 4 Kindern – Otto, Fritz, Hedwig und Lina - für den Lebensunterhalt sorgen und ließ Otto zeitweise vom Schulunterricht befreien um auf dem Hof zu helfen. Was hätte er drum gegeben die Schulbank zu drücken, als den Kuhstall auszumisten. Wehmütig sah er seinen Schulkameraden hinterher, wenn diese am Haus vorbei zogen.

Ab 1916 herrschte im eh’ schon kargen Hunsrück große Not. Zu allem Übel wurde der zivile Bahnverkehr eingestellt und war nur noch dem Militär vorbehalten.1918: Im Reich rumorte es, Hungersnot, Streik und Rote Revolution. Der Kaiser – ach, man war ihn wirklich leid – hatte abgedankt. Endlich Frieden. Jedoch besetzten die Siegermächte das Rheinland und die Folgen des Versailler Vertrages sollten sich noch rächen. In den Wirren der Weimarer Republik wurde die Lage immer prekärer. 1922 trat der schlank und hoch gewachsene junge Mann dem Gödenrother Turnverein bei und unterstützte tatkräftig den Bau des Naturschwimmbades in dem er 1933 zum Lebensretter werden sollte. Er wurde ein talentierter Turner und Handballer und nahm 1925 mit Erfolg am deutschen Turnfest in Köln teil. Auch hatte er ein zeichnerisches Talent und malte im Geschmack der Zeit kleine Landschaften und Blumenbilder auf Birkenholzscheiben.

1923 - die Inflation war auf dem Höhepunkt. Geld war nur noch eine Lawine von wertlosem Papier. In Zeiten wie diesen rotteten sich die Massen zusammen. Separatisten im Rheinland, Hitlers Putsch in München, die Goldenen Zwanziger – wohl nur ein Tanz auf dem Vulkan in den Metropolen, trennte Otto Leonhard sich im Alter von 16 Jahren vom Elternhaus und verdiente sein erstes Geld bis 1927 bei der Moselkanalisierung im nunmehr wieder französischen Lothringen.

1927-1928 - Charles Lindbergh hatte gerade allein den Atlantik überquert, in Berlin kam es zwischen den Nationalsozialisten und Kommunisten zu schweren Straßenschlachten und der „Eiserne Gustav“ war nach Paris unterwegs -, suchte er sein Glück im Ruhrgebiet bei den Bau-Firmen „Hoch–Tief“, „Weiß & Freitag“ und „Holzmann“. Doch die Weltwirtschaftskrise forderte auch von Otto Leonhard ihren Tribut und er reihte sich ein in das Heer der Arbeitslosen, das bis zum Jahr 1932 unaufhaltsam auf die 6 Millionen Marke zusteuerte.

In dieser schweren Zeit kehrte er in die Heimat zurück und half seiner Mutter wieder in der Landwirtschaft. Mittlerweile hatten sich auch im Hunsrück die Nationalsozialisten in allen Bereichen etabliert. Die Saat der Versprechungen, die sie gelegt hatten ging im Heer der Unzufriedenen auf. Es konnte ja nur besser werden – so glaubten sie. Und wer es zu was bringen wollte, musste in die Partei eintreten. Otto Leonhard wollte es zu was bringen. Und so zog auch er ein braunes Hemd an und marschierte mit. Sie köderten den wissbegierigen jungen Mann, der so sehr ihren Idealvorstellungen entsprach, mit Weiterbildung. Es folgten politische Schulungen, doch erkannte er bald das menschenverachtende System hinter all dem schönen Schein. Innerlich distanzierte er sich. Hatte er doch noch ein Gedicht von Theodor Storm aus seiner Schulzeit im Gedächtnis:

„Der eine fragt, wie komm ich an. Der andere, was ist recht und darin unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.“

- Es wird ihn sein ganzes Leben leiten. Otto Leonhard war immer auf der Seite der Freien, die für das Recht eintraten.

Jedoch war es im gleichgeschalteten Nazi-Deutschland gefährlich sich nicht für die Partei zu engagieren oder gar dagegen zu stellen. Die Alternative hieß KZ. Aber braune Hemden trug er nun nicht mehr.

Neue Heimat am Rhein

Bei einem Ausflug von den Hunsrückhöhen an den Rhein faszinierte ihn der Blick vom Alexanderplatz unter der Ruine Rheinfels auf St. Goar so sehr, dass er beschloss: „Hier möchte’ ich sein, hier möchte’ ich bleiben!“

1935 wurde die Blei und Silber-Erz fördernde Grube „Gute Hoffnung“ auf dem Prinzenstein bei St. Goar-Fellen wieder aktiviert. Sieben Jahre zuvor war sie infolge der Wirtschaftskrise als unrentabel stillgelegt worden. 200 Arbeiter und ihre Familien verloren damals ihren Broterwerb. Nun wurden die abgesoffenen Stollen wieder leer gepumpt. Schon bald waren 240 Arbeiter beschäftigt. Natürlich war auch dieser Aufschwung nur den Nationalsozialisten zu verdanken, die mit aller Macht alle, aber auch alle Ressourcen des Landes ausschöpften um Ihre perfiden Weltmacht-Pläne umzusetzen. Hier fand auch Otto Leonhard eine Arbeit als Hauer. Dank seinem wachen Geist und seinem Talent auf Menschen zugehen zu können, begleitete er oft den Steiger auf seinen Runden um neue Erzgänge zu erforschen und er lernte interessantes über die Vielfalt der Mineralien.

Und Otto fand hier auch sein privates Glück. Im Gasthaus „Erholung“ in Fellen, nahe bei der Grube auf dem Prinzenstein, lernte er die jüngste von vier Töchtern des Gastwirts Heinrich Mudersbach, die hübsche Paula kennen und lieben. 

Der Großvater von Paula, Heinrich Mudersbach kam 1872 aus Daaden am Rand des Siegerlandes. Infolge der Stilllegung der dortigen Eisen- und Kupferhütte suchte er eine neue Erwerbsgrundlage und fand sie in Nähe der nun aufblühenden Grube auf dem Prinzenstein bei Fellen. Hier baute er ein Casino für die Grubenbeamten, das er „Erholung“ nannte. Es war das erste Haus in Fellen. 1873 heiratete er Marie Kassel. Aus der Ehe gingen 5 Söhne – Heinrich, Robert, Gustav, Albrecht, Alfred und eine Tochter, Martha hervor. Sein ältester Sohn Heinrich erweiterte die „Erholung“ 1900 um einen Saalbau, der nun auch von der Bevölkerung rechts und links des Rheins zu Tanz-Veranstaltungen gerne besucht wurde. Damals kamen die Ehrentaler und Wellmicher noch problemlos mit dem Nachen über den Rhein gerudert. Dessen Bruder Gustav Mudersbach baute nicht weit davon 1906 ein repräsentatives großes Haus mit Schmiede. Heinrich Mudersbach hatte vier Töchter – Martha, Ella, Frieda, Paula und einen Sohn, Alfred. Die Geschwister Mudersbach bewirtschafteten das Gasthaus-Pension „Erholung“, das direkt an der Provinzalstraße, der ab 1803 erbauten früheren „Route Napoléon“ – heutigen: „Alte Heerstraße“ gelegen auch eine Tankstelle der DEROP-BV Aral führte, gemeinsam. Außerdem betrieben sie Landwirtschaft und Obstanbau. 

Als nun 1936 mit dem Bau der neuen Rheinufer-Straße begonnen wurde, sah Otto Leonhard die Gelegenheit für seinen ausgeprägten Geschäftssinn gekommen. Der Rubel rollte… Er wagte den Sprung in die Selbstständigkeit, kaufte einen Lastwagen auf Wechsel, den er bereits nach 3 Monaten einlöste und fuhr in Tag- und Nachtschichten den Abraum vom Steinbruch in Hirzenach zur neuen Straße. Es lief so gut, dass er seinen Schwager in spe, Alfred Mudersbach beteiligte und einen zweiten LKW kaufte. 1938/39 brachte dann auch der Bau der Hunsrückhöhen-Straße, die in nur 100 Tagen entstand und der Westwall weitere Aufträge. Aus „Otto Leonhard Transporte“ wurde die „Transport-Arbeits-Gemeinschaft Mittelrhein-Hunsrück“. 

Doch alles Gute hat auch seine schlechten Seiten. Durch die neue Rheinuferstraße war die „Erholung“ mit Tankstelle zukünftig vom Durchgangsverkehr abgeschnitten. Jetzt reifte der Plan an der neuen Reichsstraße unmittelbar am Rhein ein Hotel mit Gasthaus und Tankstelle zu errichten. Am Tag als Otto Leonhard seine Paula heiratete, dem 07.07.1937, war die Grundsteinlegung für die neue „Erholung“, den späteren „Landsknecht“. Mit der Bauausführung wurde die Firma Gottlob Bernhard aus St. Goar beauftragt, die die Pläne des renommierten Architekten und Kirchenbaumeister der Rheinlande, Otto Schönhagen aus Kesselheim bei Koblenz umsetzte. Alle Details, wie Treppengeländer und auch Lampen wurden nach Entwürfen von Schönhagen speziell angefertigt. Die Ausmalung des „Gasthof zum Landsknecht“ gestaltete sein Bruder Fritz Schönhagen, Kirchenmaler der Rheinlande. Otto Leonhard und Fritz Schönhagen sollten sich später unter weniger schönen Umständen wieder treffen und Freunde werden. Jetzt wurde der Abraum aus dem Steinbruch vor allem zur eigenen Baustelle gekarrt, um das riesige Loch zwischen Gasthaus und neuer Straße zum Parkplatz aufzufüllen.

Am 28. Mai 1938 war die Eröffnung. Dank einer 24-Stunden Konzession kehrten bald die Fernfahrer rund um die Uhr in der neuen Raststätte ein. Volltanken, gut essen und trinken, die Aussicht genießen, zu Hause anrufen oder mit dem Chef telefonieren und weiter ging es. Einheimische Gäste vergnügten sich bei Kostüm-Festen abends in der Keller-Schänke, in der  später eine Kegelbahn eingebaut wurde. Hier schoben die Kegelklubs vom Prinzenstein, die St. Goarer Prominenz und von Nah und Fern nicht nur eine ruhige Kugel. Das großzügige Projekt im mittelalterlich-rheinischen Stil erregte auch das Interesse von Partei und Prominenz. Die  Reisebusse der KdF brachten fröhliche Menschen an den Rhein. Sie tanzten sogar auf dem Parkplatz. Auch Rennfahrerlegende Rudolf Caracciola kam mit seinem Mercedes-Rennteam vorbei und für die Testpiloten mit den Erlkönigen der Autounion wurde der „Landsknecht“ zum regelmäßigen Treffpunkt auf dem Weg zum Nürburgring. Später quartierten sich die Soldaten der Wehrmacht ein und traten zum Appell auf dem Parkplatz an. Auch der draufgängerische SS-Held Otto Skorzeny, Befreier Mussolinis und nach Ansicht der Amerikaner „Gefährlichster Mann Europas“ war in Vorbereitung der Ardennenoffensive Ende 1944 Gast im „Landsknecht“.

Otto Leonhard fand honorige Freunde in St. Goar, die ihn scherzhaft den „Graf von Gödenroth“ nannten. Insgeheim bewunderten sie ihn, den Hunsrücker Bauern im feinen Anzug. Am 08.01.1938 trat er in den Hansenorden ein, im gleichen Monat wurde er Mitglied der Schützengesellschaft 1344. Töchterchen Helga kam am 04.10.1938 auf die Welt. Das Glück schien perfekt.

Krieg

Einer jüdischen St. Goarer Familie verhalf er zur Abreise bis nach Köln. Er wurde vor den Kreisleiter zitiert. „Ihr wollt sie doch fort haben“, war sein Kommentar. Freunde legten ein gutes Wort für ihn ein. Nicht lange – es ist 1939, forderte ihn die Partei auf Auskünfte über frühere Arbeitskollegen der Grube „Gute Hoffnung“ preiszugeben. Er lehnte das Ansinnen ab und wendete sich endgültig vom nationalsozialistischen Gedankengut ab, jedoch war ein Parteiaustritt ohne Repressalien für ihn und die Familie nicht möglich. 8 Tage später kam der Einberufungsbefehl. Mit samt seinem eigenen Lastwagen wurde er zum Militärdienst nach Wackernheim bei Mainz eingezogen. Der Krieg war ausgebrochen.

Nach einer weiteren Ausbildung in der Flak-Kaserne in Kassel kam er 1940 bis 1945 als Kraftfahrer in der Leichten Flak-Abteilung 93/3 mot. in den Einsatz an die Westfront nach Frankreich. Otto Leonhard war jetzt 33 Jahre alt, gut 10 Jahre älter als die meisten seiner Kameraden. Sie nannten ihn respektvoll Der Alte. Selbst sein Bataillons-Kommandeur war jünger. Otto wurde sein Fahrer. So war er ständig zwischen Paris und der äußersten Spitze Europas, dem Finisterre in der Bretagne, von Biarritz an der Biskaya - in deren langen Atlantikwellen der gute Schwimmer beinahe ertrunken wäre, nach San Malo und bis Marseilles unterwegs und überstand so manch brenzlige Situation dank seinem Riecher für Gefahr.

Otto organisierte alles Mögliche für seine Kameraden, selbst einen ganzen Eisenbahnzug voll Proviant konnte er dank eines zufälligen Treffens mit einem ihm bekannten höheren Offizier aus St. Goar umleiten. Mit seinem Landserfranzösisch gepaart mit Hunsrücker Platt findet er bei den bretonischen Bauern und Fischern den richtigen Ton und immer was zu essen. Als er sich vor einem erwarteten Angriff eingraben musste, stieß er auf einen zugemauerten Weinkeller mit 70.000 Flaschen Bordeaux. Die Truppe jubelte! Hatte doch das Standortkommando der Wehrmacht schon zwei Jahre hier Quartier bezogen und den Keller nicht entdeckt. Marika Rökk betreute er beim Fronttheater in Paris – als Erinnerung vermachte sie ihm ein Reisebügeleisen, das noch heute im Familienbesitz ist.

Als er am 6. Juni 1944 telefonisch seiner Paula zum 34. Geburtstag gratulieren wollte, wurde das Gespräch plötzlich abgebrochen. Die Alliierten waren in der Normandie gelandet. Wenige Tage nach dem D-Day schoss er, ausgerüstet mit dem neuesten Selbstladegewehr, eine RAF Auster V der Engländer ab. Dafür wurde ihm nach dem Kriegsverdienstkreuz nun das Eiserne Kreuz verliehen. Auf Beförderungen zum Offizier legte er keinen Wert. Er wollte in diesem Regime nichts werden.

Als sein Kommandeur versetzt wurde, sagte dieser: „Leonhard, ohne sie werde ich nicht mehr lange leben.“ Und so kam es. Ende August 1944 kesselten die Alliierten mit schweren Panzerverbänden und massiven Bomberangriffen die zurückweichende und teils in Auflösung begriffene deutsche Armee nördlich von Paris immer mehr ein. Otto Leonhard geriet in amerikanische Gefangenschaft. Doch bei der nächsten Gelegenheit sprang er zusammen mit zwei Kameraden von einem Gefangenentransporter runter und sie flüchteten bei Elboef schwimmend über die Seine mit dem Ziel irgendwie Richtung Heimat zu kommen. Er wollte doch endlich sein zweites Töchterchen Brigitte, das am 22.02.1944 geboren wurde, in die Arme schließen. Er kam bis an die Mosel. Hier sammelten sich die aufgeriebenen Wehrmachtsverbände und bevor der Kampf weiter ging, machte er einem kurzen Abstecher in den Fronturlaub zum „Landsknecht“ und seinen Lieben. Wenige glückliche Tage weg vom Chaos.

Als er mit seinem Ford V8 – mit 90 PS ein für die damalige Zeit bemerkenswert stark motorisiertes Fahrzeug – über die Hunsrückhöhenstraße fuhr, um seine Verwandten in Gödenroth zu besuchen, wurde er von Fliegern beschossen. Eine Kugel durchschlug die Heckscheibe, pfiff haarscharf an seinem Kopf vorbei und zur Windschutzscheibe wieder heraus. Wieder Glück gehabt! Der Ford V 8 wurde kurz darauf beschlagnahmt – auf Nimmerwiedersehen.

Seiner Paula und ihrer Schwester Ella sollten noch schwerere Prüfungen bevorstehen. Ein Bombenangriff feindlicher Flieger, die auf dem Rhein fahrende und im Hafen Hundt liegende Schiffe versenkten, verschont mit viel Glück den einladend freistehenden „Landsknecht“. Lediglich eine Brandbombe durchschlug das Tankstellendach, richtete aber keinen weiteren Schaden an. Im März 1945 rückten die Amerikaner immer weiter über den Hunsrück vor. Von der Werlauer Flur aus schossen sie auf den Turm der Burg Maus und hartnäckig verteidigende SS-Einheiten am rechten Rheinufer. Paula war mit dem Fahrrad auf dem Weg nach St. Goar um Lebensmittel zu besorgen. Sie wurde von der SS beschossen, weil sie ein weißes Tuch an ihrem Fahrrad angebracht hatte. Kurz darauf kamen die Amerikaner mit schweren „Sherman“ Panzern den Brandswald herunter nach Fellen. Ella, Paula mit den beiden Kindern und die Angestellten mussten den „Landsknecht“ verlassen. Sie bezogen ihr Notquartier im elterlichen Gasthaus „Erholung“. Der Rheinübergang nach Wellmich stand bevor. Der „Landsknecht“ wurde zum Lazarett. Die vielen Toten legte man in der Eingangshalle ab. 

Heimkehr

Anfang Juni 1945 kam Otto Leonhard, bis auf einen Granatsplitter im Arm, unversehrt aus dem Krieg nach Hause. Einen Tag nachdem man seine über alles geliebte Helga zu Grabe getragen hatte. Sie war wenige Tage zuvor am 5. Juni vor dem „Landsknecht“ über die Straße gelaufen, von einem US Jeep erfasst und tödlich verletzt worden. Sein Sonnenschein wurde nur 6 Jahre alt. Am 10. Juni 1945 verhaftete ihn der amerikanische CD. Er wurde als Mitläufer eingestuft und bald entlassen.

Internierungslager

Kurze Zeit später übernahmen die Franzosen das Besatzungsrecht von den Amerikanern. Otto Leonhard wurde wieder verhaftet. Ohne Anklage wurde er zunächst als Politischer in Idar-Oberstein interniert. Hier herrschten unbeschreibliche Verhältnisse. Dann verlegte man ihn nach Dietz. Hier ging es geordneter zu, jedoch musste er bei Wind und Wetter in Zelten kampieren. Noch immer sagte ihm keiner warum er überhaupt festgehalten wurde. Gleichzeitig mit der Inhaftierung wurden alle Konten der Familie gesperrt und das Vermögen konfisziert. Paula und die Ihren mussten erneut den „Landsknecht“ verlassen. Ein französischer Fremdenlegionär mit Namen Sistenich quartierte sich ein. Obwohl selbst der Verdienstmöglichkeiten beraubt und Lebensmittel kaum zu beschaffen waren, musste sie ihren Mann in Dietz ständig mit allem Möglichen zum Überleben versorgen – dazu gehörte auch Brennholz.

Die Monate, die Jahre gingen dahin, ohne den Grund für das alles zu erfahren. Otto hielt nur die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft am Leben. Er begann seine tiefsten Empfindungen in Versform aufzuschreiben. Und er fing wieder an zu malen – mit den primitivsten Mitteln wie Zahnpasta und Tinte entstand so ein wunderbares Bilderbuch von Wild und Wald für sein Töchterlein Brigitte. Hier teilte er sein Leid mit einem alten Bekannten aus besseren Tagen, Fritz Schönhagen, der Maler. Er förderte Otto’s Talent. Nun, mit besseren Farben und Pinsel ausgestattet, malten sie für die französischen Besatzer den obersten Befehlshaber, General König und handelten sich damit manche Vergünstigung aus. Zigaretten waren die Währung jener Zeit. Sie wurden in kunstvoll aus dem Kochgeschirr gefertigten Etuis aufbewahrt. Trotz schrecklicher Hungersnot sorgt Otto auch hier für das Wohlergehen seiner Kameraden, macht aus jeder Situation das Beste und hält aber auch den Haufen mit Zucht und Reglement zusammen. Sie danken es ihm an seinem 39. Geburtstag mit einer Urkunde und ernennen Otto Leonhard zu ihrem Ehrenwaibel und Erzprofossen. Seinen Arbeitseinsatz leistete er als Automechaniker und er nutzte die Zeit, lernte Vokabeln und besserte seine Französischkenntnisse auf. 

Am 22. April 1948 verunglückte sein Schwager Alfred tödlich. Er wurde in Höhe des St. Goarer Hafens von einem französischen Militärlastwagen überfahren. Nun fehlte seiner Paula in der schweren Zeit auch noch der Bruder und die letzte männliche Arbeitskraft in der Landwirtschaft, mit der man sich über Wasser hielt, für die Kirschen- und Heuernte. Ein Mitte Mai verfasstes Gesuch mit der Bitte um Entlassung und Schilderung der Notsituation an den Kommissar der Surité brachte endlich Bewegung in die Sache. Im Sommer 1948, nachdem alle seine Kameraden schon lange wieder zu Hause waren, wurde ihm endlich der Grund für seine Internierung mitgeteilt. Ein Denunziant behauptete er hätte für die NSDAP seine ehemaligen Arbeitskollegen bespitzelt. Mehrere Zeugen sagten aus, dass genau das Gegenteil der Fall gewesen sei und er ja auf Grund seiner ablehnenden Haltung acht Tage später zum Militärdienst eingezogen wurde. Im Oktober 1948 durfte er endlich nach mehr als 3 Jahren wieder nach Hause.

Doch das Fellener Landschaftsbild hatte sich gewandelt. Hier hatten die französischen Besatzer mittlerweile begonnen die großen alten Eichen und Buchen im Brandswald – dem einzigen Hochwald am Rhein, abzuholzen. Wie gern war er dort zum Prinzenstein hoch gewandert. Die letzte Eiche jedoch, die auf der Grenze seiner Waldparzelle „Im Wallert“ stand, verteidigte er mit Erfolg gegen die Äxte und die auf ihn gerichtete Pistole. In Gedenken an den einst schönen Wald schuf er 1955 ein großes Ölgemälde in prächtigen Herbstfarben. Die große einsame Eiche ist vor einigen Jahren im Sturm gefallen. Sie war von innen verfault. 

Wiederaufbau und Politik

1948/49 - Otto Leonhard war jetzt 41 Jahre alt und voller Tatendrang, er gab Gas – Vollgas! Waren doch die zurückliegenden 10 Jahre verlorene Jahre. Mit der Wirtschaft ging es nach der Währungsreform im neuen Land Rheinland-Pfalz wieder aufwärts. Er plante den Hotel- und Gaststätten-Betrieb mit Tankstelle um eine Autowerkstatt zu erweitern. So entstand 1950-52 hinter dem Hotel rheinseitig die große Garagenhalle mit darüber liegender Terrasse. 1950 wurde er VW-Händler und Tochter Ingrid kam am 30. März auf die Welt. Auch starke Rückenschmerzen und Krankenhausaufenthalte in den Jahren 1953/54 hielten Otto Leonhard nicht ab nach und nach weitere Funktionsbauten für seinen aufblühenden Autobetrieb anzubauen. 

Am 25.12.1951 verstarb seine Mutter Katharina, ein weiterer Schlag, nachdem sein Bruder Fritz nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt war und als verschollen, letztlich für tot erklärt werden musste – die trüben Gedanken daran verfolgten ihn nun alle Jahre wieder zu Weihnachten. Doch er verdrängte sie schnell bei seinen Aktivitäten. 

Damit nicht genug. Im Gegensatz zu seinen vielen Kameraden aus dem Internierungslager, die von Politik und Parteien meist nichts mehr wissen wollten, begriff er schnell welche Möglichkeiten ihm die neue Freiheit bot. Er wurde zu ihrem Verfechter und trat ein für liberale Rechte und individuelle Selbstbestimmung. 1949 wurde er Mitglied der FDP, die er zunächst im städtischen Bau- und Rheinfelsausschuss vertrat um dann von 1958 bis 1974 im Stadtrat zu sein. Schnell wurde er dank seiner Visionen und seiner Redebegabung zum Kreisvorsitzenden der FDP (1956-1965) und gleichzeitig Mitglied im Kreistag und Kreisrechtsausschuss des Kreises St. Goar. 10 Jahre führte er das Amt des Schatzmeisters im FDP-Bezirksverband Koblenz-Süd aus.

Als 1967 infolge der Verwaltungsreform der Kreis St. Goar aufgelöst werden sollte, setzte Otto Leonhard sich vehement für dessen Erhalt ein. Doch Uneinigkeit macht bekanntlich nicht stark und der Hunsrück hatte in Mainz die besseren Trümpfe in der Hand. Da er um die unterschiedlichen Mentalitäten der Menschen am Rhein und im Hunsrück wusste, erinnerte er sich an ein Gespräch, dass er Jahre zuvor mit Ministerpräsident Peter Altmeier auf dem Söller der Schönburg in Oberwesel führte und sah nun sein Ziel im Zusammenschluss der beiden Schwester- und Kreisstädte St. Goar und St. Goarshausen zu einem Mittelrheinkreis und dem Bau einer Rheinbrücke. Als Hunsrücker machte er sich mit seiner Einstellung im Hunsrück nicht gerade beliebt. Er organisierte eine Bürgerbefragung mit hoher Beteiligung, deren Ergebnis überwältigende 81,7 % für den Zusammenschluss erbrachte. Doch in Mainz hatte man sich anders entschieden. Als am 22.10.1968 nach über 150 Jahren der Landkreis St. Goar aufgelöst wurde, veröffentlichte er als Mitglied des Rittersturzkreises der Aktion für Freiheit und Selbstverwaltung einen bemerkenswerten Nachruf. Danach übernahm er den Vorsitz des FDP-Ortsverbandes St. Goar und war seit 1974 Mitglied des neuen Verbandsgemeinderates St. Goar-Oberwesel. Über drei Wahlperioden war er im FDP-Landesausschuss für Wirtschaft, Handel und Gewerbe und Mittelstandsfragen.

Dank seiner guten Kontakte in die hohe Politik wurde der geplante Ausbau der B9 mit Hilfe des Konjunktur-Programms der Bundesregierung vorgezogen. Somit konnte die bereits im Bau befindliche Kanalisation von Fellen nach St. Goar kostengünstig mit verlegt werden. Das ersparte der Stadt St. Goar eine für damalige Verhältnisse hohe Summe von rund 750.000 Mark.

Von 1957 bis zur Auflösung des Kreis St. Goar war er, durch seine beruflichen Erfahrungen bedingt, Leiter der Verkehrswacht, der er nun das nötige Format verlieh. Seit 1950 war er Mitglied der Industrie- und Handelskammer in Koblenz, der Handwerkskammer und des Kfz.-Innungsverbandes; hier gehörte er den verschiedensten Ausschüssen an (Sozialausschuss, Lehrlingsausbildungswesen, Tarifkommission).

Geschäfte

Doch verlor er trotz allem Einsatz für das uneigennützige Gemeinwohl nicht seine Geschäfte aus den Augen. Das Hotel „Gasthof zum Landsknecht“, das seine Frau Paula mit ihrer Schwester Ella Mudersbach führte, blühte mit dem wachsenden Tourismus auf und bot dem internationalen Publikum das Beste aus rheinischer Küche und Keller. Vor allem die große Terrasse, unmittelbar am Rhein gelegen, war die Attraktion des Hauses und ist es auch heute noch.

Auch die Tankstelle und die Autowerkstatt brummten. Der Hunger auf Mobilität war groß. Als VW-Händler wurden ihm jedoch die Verkaufsbezirke immer mehr beschränkt. Nach Hirzenach, Emmelshausen oder St. Goarshausen durfte er keinen Käfer mehr liefern. Nichts für das Freiheitsdenken eines Otto Leonhard. 1960 wurde er FORD-Haupthändler. Nach und nach trennte man sich von Grundstücksflächen, kaufte Parzellen rund um den Landsknecht dazu und investierte in den Ausbau des „Autohof Landsknecht“. 1962/63 baute er eine neue große Werkstatthalle mit Ausstellungspavillon auf dem angrenzenden Gelände der ehemaligen Lederfabrik. Er eröffnete Filialbetriebe in St. Goar und Boppard, eine Tankstelle in St. Goarshausen. Drei Vertragswerkstätten in Oberwesel, Bacharach und Miehlen im Taunus wurden über den“ Autohof Landsknecht“ mit Neufahrzeugen und Ersatzteilen beliefert. Er war gut im Geschäft, ständig auf Achse und seine beiden Töchter leiteten mit Ihm einen guten Mitarbeiterstab, auf den er sich verlassen konnte. Im ganzen Landkreis und darüber hinaus kannte man den Otto. Auf den Grundmauern der alten Werkstatt baute er 1964 ein großzügiges Wohnhaus für seine Familie. Doch seine todkranke Schwägerin Ella erlebte den Umzug nicht mehr. Für seine Frau Paula wurde die alleinige Führung des Gastronomie-Betriebes zuviel. So wurde der „Gasthof zum Landsknecht“ an die Familie Nickenig verpachtet.

Vereine und Freundschaften

Dass ein Mann mit solcher Energie in beruflicher und politischer Arbeit auch kulturellen Dingen zugewandt war, verstand sich bei ihm von selbst. Dem Hansenorden war er weiterhin verbunden und pflegte internationale Kontakte und Freundschaften. Besonders engagierte er sich in der St. Goarer Schützengesellschaft, deren Fähnrich er auf Grund seiner stattlichen Statur ab 1957 für viele Jahre wurde. Bis 05.05.1955 galt noch das Besatzungsrecht in der jungen Bundesrepublik. Waffen waren generell verboten – auch Holzgewehre ohne Funktion. So wurde der Schützenkönig in der ab 1949 wieder zugelassenen Schützengesellschaft mit der Armbrust ausgeschossen. Als Anfang der 50er Jahre nach stundenlangem schießen der Adler nicht fallen wollte und die Nacht schon dämmerte, erreichte er beim Chef der Surité ein Einsehen. Fortan durfte wieder mit Kleinkaliber-Gewehren auf den Königsadler geschossen werden. Die Königswürde erschoss er sich gleich zweimal: 1958 und 1969. Beide Ereignisse sind noch heute in guter Erinnerung.

Besondere Kontakte unterhielt Otto Leonhard zu den Kastellauner Schützenkameraden, denen er sich als Sohn des Hunsrücks zeitlebens verbunden fühlte. Traditionell wurde auf der Fahrt zum Schützenfest nach Kastellaun ein Picknick im Gödenrother Wald eingelegt und ein Feldblumenstrauß gepflückt, der dann dem Königspaar in Kastellaun überreicht wurde. 1958, als er selbst Schützenkönig war, kam ihm die Idee diesen Feldblumenstrauß als Freundschaftsband zwischen den beiden Gesellschaften aus St. Goar und Kastellaun in Öl zu malen und als Wanderpreis dem jeweiligen Kastellauner Schützenkönig zu stiften. Dazu dichtete er natürlich auch noch die passenden Verse für eine stilvolle Urkunde. 

In St. Goar-Fellen war er lange Jahre Vorsitzender des Männergesangvereins „Frohsinn“ und  Anfang der 50er Jahre sogar Prinz Karneval. Prinzessin war Hilde Gattermeier. Gefeiert wurde im Saal des Gasthauses „Erholung“. „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien…“ hieß der Hit der Saison. Ernst Negers „Heile, Heile Gänsje“ traf den Nerv jener Nachkriegsjahre und ist heute noch populär. In den folgenden Jahren des Wirtschaftswunders schmetterte man voller Inbrunst: „Ja, so ein Tag, so wunderschön wie heute…“.

Als Otto Leonhard 1960 mit seiner Paula und einigen Oberweseler Bürgern nach Chablis in Burgund reiste um eine der ersten Deutsch-Französischen Partnerschaften zu gründen, hat er sicherlich keine Ressentiments gegen den einstigen Feind, der ihn so lange Jahre im Lager schmoren  ließ. Im Gegenteil, er suchte die Verständigung, die Freundschaft, die er auch schnell fand und viele Jahre pflegte.

Ab 1966 war er 1. Vorsitzender des F.C. „Rheinfels 1911“ und führte diesen 1974 mit Bravur aus der finanziellen Klemme indem er zu Rhein in Flammen erstmals ein großes Festzelt im Pappelstadion bewirtschaften ließ und ein Herbst-Fest mit Show-Programm füllte auch am Tag darauf das Zelt. Zwei Jahre später wiederholte er den Erfolg zu Rhein in Flammen und nutzte am folgen Tag das Festzelt für seine politischen Ziele. Bundeswirtschaftsminister Friderichs folgte seiner Einladung zur Bundestagswahlkampf-Veranstaltung der FDP nach St. Goar. Das Festzelt war noch einmal voll besetzt. Hansenbruder Otto gewann Friderichs auch für den Hansen-Orden. Auf einer Wahlkampfreise empfing Otto Leonhard auch Bundesinnenminister Mayhofer zu einer Schiffstour in St. Goar.

Auch pflegte er noch den Kontakt zu seinen alten Kriegskameraden. Bei einem Treffen auf der US Ramstein Air Base ließ er sich die Einladung zu einem Flug mit der Phantom nicht zweimal sagen. Nach einem Gesundheits-Check als flugtauglich erklärt, steckte man den mehr als kräftigen Otto in einen Overall und Helm mit Sauerstoffmaske und er zwängte sich als Copilot in das enge Cockpit. 25 Minuten flog er über halb Deutschland her. Für ihn ein unvergleichliches Erlebnis und das mit über 60 Jahren!

Mit einem neuen Ford Granada GXL 2,6 Ltr. machte er mit seiner Paula eine Probefahrt. Nach Stunden rief er zu Hause an. Er hatte seinen Freund in Igels in Tirol besucht und war mal gerade über den Brenner nach Meran gefahren. Ein andermal hatte er in Offenburg einen flotten Ford Capri RS zugelassen und in Straßburg gefrühstückt. Dann kam er auf die Idee, bei der Gelegenheit den Motor für den Kunden einzufahren. Da könnte er doch mal eben bis kurz vor Paris fahren und seinen guten Freund Marcel Berthier in Provins Guten Tag sagen. Mit einem Salatkopf aus dessen Garten kam er in der Nacht froh gelaunt, aber auch sehr müde nach Hause. Er nahm sich die Freiheit ein sehr spontaner Mensch zu sein.

Von der Muse geküsst.

Hatte dieser vielbeschäftigte Mann auch Hobbys? Er hatte! Viele sonnige Stunden verbrachte er in seinem Landsknecht Gartenland. Hunderte von Rosen, blühenden Sträuchern und Bäume, allerlei Blumen und Gemüse pflanzte er an. Die schönsten Blütensterne und seine rheinische Heimat, auch seine Freunde, fotografierte er, bannte sie in Öl auf die Leinwand und schrieb ein Gedicht dazu. Die Werke – edel gerahmt, verschenkte er oft zu Geburtstagen. „Nennen Sie das Kunst?“ wurde er mal gefragt. Nun, „Leonardo de Fellini“ traf leider nicht auf einen Galeristen wie die damals mit ihrer naiven Malerei berühmt gewordene Oma aus den USA. Doch er wäre nicht Otto Leonhard, wenn er nicht Kontakte zu anderen Kunstschaffenden gepflegt hätte. 1967 wurde er Gründungsmitglied des Kulturellen Arbeitskreises „Die Treidler“.

Das Schicksal schlägt wieder zu.

Wenige Wochen später, am 12. August 1967 kam es zur erneuten Tragödie: Tochter Brigitte, im blühenden 24. Lebensjahr, verunglückte tödlich auf der Fahrt nach St. Goar. Otto Leonhard und seine Familie sind daran fast zerbrochen. Viele seiner Ehrenämter legte er nieder.

Die Hoffnung war nun seine Tochter Ingrid. Sie ist damals 17. Sie kniete sich tief rein in das Autogeschäft. Viel Zeit für Vergnügen und Freundschaften blieben ihr da nicht mehr, außer dass sie ihren Vater oft zum geliebten Stammtisch beim Löwen-Wirt, Schneider-Phips oder in die Mühlenschenke chauffierte. Hier blühte er wieder auf. Das war Balsam für seine geschundene Seele. Hier verschenkte er Gemüse und Kräuter an die Köche und Blumen an die Wirtinnen. Alles frisch aus seinem Landsknecht Gartenland. In weinseliger Runde erzählte er die tollsten Geschichten und schmetterte gekonnt fröhliche Weinlieder zur Freude der Gäste, die ihren Onkel Otto dafür liebten. Schützenfest 1969 – die Mondlandung lief live im Fernsehen - schoss er wieder den Königsadler ab. Seiner Paula war es gar nicht recht, aber es half auch ihr wieder aus der Traurigkeit heraus zu finden. Am 10. Mai 1972 feierte Otto Leonhard seinen 65. Geburtstag. Es sollte ein unvergesslicher Tag werden. Der „Landsknecht“ war fast zu klein für all die vielen Freunde, Bekannte, Geschäftspartner, Politiker, die ihm an diesem Tag die Ehre und sich die Klinke in die Hand gaben.

Viel Preis und Ehr

Mit den Jahren wurde die Liste der Ehrbezeugungen für Otto Leonhard immer länger. Die Landesregierung ehrte ihn am 30. Jahrestag der Verfassung mit der Verleihung der Verdienstmedaille des Landes Rheinland-Pfalz. Die FDP verlieh ihm die Theodor Heuss-Plakette und ernannte ihn zuletzt mit einer handgemalten Urkunde zu Ihrem Ehrenmitglied im Rhein-Hunsrück Kreis. Er erhielt den Wappenbecher und Wappenteller der Stadt St. Goar. Ebenso den Wappenteller der Verbandsgemeine St. Goar-Oberwesel. Die Schützengesellschaft 1344 zu St. Goar, der er bis ins hohe Alter treu verbunden war, ehrte ihn ebenfalls mit vielen Auszeichnungen und ernannte ihn schließlich zu ihrem Ehrenfähnrich, worauf er besonders stolz war. Otto Leonhard wurde als einer der Ersten, seit 1938 im Int. Hansenorden zu St. Goar, mit der Goldenen Hansennadel bedacht und später zum Ehren-Hansen ernannt. Der kulturelle Arbeitskreis der „Treidler“ wollte dem nicht nachstehen und verlieh ihrem Gründervater den Titel Ehren-Treidler. Auch der FC Rheinfels 1911 hatte seinen einstigen 1. Vorsitzenden nicht vergessen und würdigte seine Verdienste. Weitere ungezählte Ehrungen und Auszeichnung von weiteren Vereinen, Firmen und Verbänden sollen hier nicht weiter Erwähnung finden.  

Die Last mit dem Alter

Er wurde älter, das Gehen fiel ihm zusehends schwerer, er hatte keine Kraft mehr in den Händen. Eine schleichende Form der Muskelschwäche hatte ihn erfasst. 1979 verpachtete er seinen „Autohof Landsknecht“ an Theo Heck. Nachdem dieser an der Hunsrück-Autobahn ein neues Autohaus eröffnete, verkaufte er 1983 seinen Betrieb an die Firma Junker aus Simmern, die das Autohaus an die Daimler-Benz AG, Niederlassung Koblenz verpachtete. Ein Jahr später wurde auch das Hotel „Landsknecht“ an die Familie Nickenig verkauft.

Am 12.06.1985 verstarb plötzlich seine liebe Paula, 5 Tage nach ihrem 75. Geburtstag, den sie noch wunderbar miteinander gefeiert hatten. Es wurde einsam um ihn, er konnte sich  nicht mehr beschäftigen – auch nicht mehr malen. Er ging jetzt an Krücken und verlangte nach ständiger Aufmerksamkeit. Seine Tochter war immer mehr mit der Betreuung und Pflege ihres Vaters überfordert, da sie ja inzwischen ihr eigenes Kunst- und Antiquitätengeschäft in den Räumen der ehemaligen Tankstelle führte. 1987 wurde auch das inzwischen viel zu große Wohnhaus an die Familie Nickenig verkauft. 1989 war eine häusliche Pflege nicht mehr möglich und Otto Leonhard verbrachte nun seinen Lebensabend in einem Pflegeheim im Hunsrück. Es war für ihn sehr deprimierend nicht mehr auf den Rhein schauen zu können und Freunde um sich zu haben. Er sprach immer davon hier im Lager zu sein. Es erinnerte ihn an seine schlimmste Zeit im Internierungslager. Er starb am 25. Januar 1993 im 86. Lebensjahr im Krankenhaus in Simmern. Eine Embolie brachte wohl sein Herz zum stehen. Ein sanfter Tod nahm ihn mit in die Freiheit der Unsterblichkeit. 

Was bleibt…

Das Vermögen war längst aufgebraucht. Otto Leonhard hatte immer nur gelebt und viel bewegt, war spendabel. An sich selbst dachte er zuletzt. Seine Tochter Ingrid übernahm als letzte der Familie das Vermächtnis und erfüllte alle Pflichten bis ihr nichts mehr blieb, außer seinen Gemälden, Gedichten, Fotografien und die Erinnerung an einen außergewöhnlich tatkräftigen, humorvollen, geselligen Menschen mit großem Erzählertalent, der die Freiheit als höchstes Gut achtete. 

 

Ingrid Leonhard, 13.03.2013  

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